In der Traditionellen Chinesischen Medizin markieren die Dojo-Tage einen sanften Übergang zwischen den jeweiligen Jahreszeiten, den man konstruktiv für Gesundheit und Vitalität nutzen kann.

Der Winter lebt sich gerade aus: Kälte, Schnee und Eis haben Land und Menschen im Griff. Und dann, mehr oder weniger über Nacht: Alles grün, alles blüht, alles wächst und gedeiht. Oder aber: Eben noch Hochsommer und von einem Tag auf den anderen werfen die Bäume panisch ihre Blätter ab. Statt strahlender Sonne und lauen Abenden gibt es plötzlich dichten Nebel, frischen Wind und Morgenfrost. Nein. So nicht. Das ist nicht angenehm. Natürlich: Das kann schon einmal passieren. Die Launen der Natur sind mitunter eben launisch. Aber besser und leichter zu nehmen ist ein schonender Übergang zwischen den Jahreszeiten, die harmonische Transformation von einer Phase in die folgende. Dafür stehen die sogenannten Dojo-Zeiten.

4 x 18 = 5

Eine uns allen gut bekannte Dojo-Zeit ist der Spätsommer. Der ist ein bisschen das Beste beider Welten. Ein bisschen Sommer, ein bisschen Herbst, eine ausgewogene Mischung, in der man sich gut und in Ruhe vom Einen verabschieden und sich gut und in Ruhe auf das Kommende vorbereiten kann. Die Zeit des Spätsommers ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) dem Erdelement zugeordnet. Und das Erdelement ist die Mutter aller Element: Es zeichnet sich durch die Qualitäten des Nährens, der Fürsorge und der Zuwendung aus. Das ist auch die besondere Kraft einer Dojo-Zeit.

Die Natur legt eine kurze Atempause ein, sie sammelt sich, widmet sich nur sich selbst, verweilt gelassen im Zustand zwischen alt und neu, um dann frisch durchzustarten und der anstehenden Jahreszeit den entsprechenden Ausdruck zu verleihen.

Passen wir uns dem Rhythmus der Natur an, dann ist die Dojo-Zeit ideal, um uns selber Zuwendung und Fürsorge zu schenken. Auch wir können in den jeweiligen Übergangsphasen Atem holen und uns sammeln. Übergangsphasen deshalb, weil es nicht nur den Spätsommer als Dojo-Zeit im TCM-Kalender gibt. Auch die Wechsel vom Herbst in den Winter, vom Winter in den Frühling und vom Frühling in den Sommer sind Dojo-Phasen, derer es in Summe also vier gibt, alle dem Erdelement zugeordnet, alle 18 Tage lang dauernd, alle zusammen repräsentieren quasi die fünfte Jahreszeit. Daher wird in der TCM auch von Fünf Elemente gesprochen, von fünf archetypischen Grundqualitäten.

DIE SACHE MIT DEM ANFANG

Die Dojo-Phasen sind allerdings nur eine von zwei Besonderheiten im chinesischen Kalender-Denken. Die zweite: Der Winter beginnt nicht am 21. Dezember und der Sommer nicht am 21. Juni. Auch „unser“ Herbstanfang und „unser“ Frühlingsanfang stimmen mit dem chinesischen Kalender nicht überein. Warum? Nehmen wir die Zeitpunkte der Winter- bzw. der Sommersonnenwende: Die Sonne hat ihren Tiefststand oder ihren Höchststand erreicht. Das bedeutet aber auch, dass eine Kehrtwende stattfindet. Tiefer oder höher geht es eben nimmer. Ab der Sonnenwende werden die Tage wieder länger. Oder kürzer. In TCM-Fachsprache heißt das, einmal nur für den Winter sprechend: Das Yin, die Dunkelheit, hat seinen Zenit erreicht und überschritten und verliert somit an Intensität. Ab nun beginnt sich das Yang, das Licht, wieder auszudehnen. Licht ist Yang. Wärme ebenso. Aber Licht ist schnelleres Yang. Die Wärme braucht ihre Zeit, um sich zu entfalten. Daher sitzen wir subjektiv natürlich noch im Winter fest, auch wenn sich das Yang längst am aufsteigenden Ast befindet.

Trotzdem: Mehr yin als am 21. Dezember kann es in der Natur nicht werden. Und mehr yang als am 21. Juni ebenso wenig.

Sprich: Das können daher nicht die Anfänge von Winter oder Sommer sein, nein, die Sonnenwenden markieren die Höhepunkte von Yin und Yang, sie markieren bereits die Mitte der jeweiligen Jahreszeit. Der Anfang beginnt 36 Tage vor dieser Mitte, das Ende erfolgt 36 Tage nachher. Das bedeutet: Der Winter (Wasserelement) beginnt um den 16. November, der Frühling (Holzelement) um den 13. Februar, der Sommer (Feuerelement) um den 17. Mai und der Herbst (Metallelement) um den 16. August. Wer genau beobachtet, kann dies durch eigene Erfahrung bestätigen. Denn ist es nicht so, dass Mitte August oft schon einmal ein Hauch von Herbst in der Luft liegt? Da können die Tage – je nach Wetterlage – plötzlich von dieser speziellen Klarheit und Kühle durchdrungen sein, spezifische Charaktermerkmale des Herbstes eben. Und im November? Da lässt der Winter gerne schon mal seine Muskeln spielen, indem er die Berge mit jeder Menge Neuschnee bedeckt. Dafür dürfen wir, mit etwas Glück, Mitte Februar hin und wieder mal Kaffee und Kuchen im Freien genießen. Und dass es Mitte Mai einmal brütend heiß werden kann, das ist schließlich auch nichts Neues.

Das sind die wahren Anfänge einer jeweiligen Jahreszeit. Am von uns westlich definierten Beginn haben sie ihre größte Kraft bereits erreicht.

Dann flauen sie ab. Dazwischen liegen die Dojo-Zeiten. Diese wären wie folgt definiert (es gibt hier leichte Variationen in der Datumsangabe, je nach Quelle plus minus einem Tag):

Dojozeit 27.01.–12.02.
Dojozeit 27.04.–16.05.
Dojozeit 28.07.–15.08.
Dojozeit 28.10.–15.11.

Allen Dojo-Zeiten gemein ist, wie bereits erwähnt, die Zuordnung zum Element Erde. Neben seinen mütterlichen Eigenschaften repräsentiert das Erdelement vor allem auch unsere Mitte, die Quelle unserer Energie und Lebenskraft. Vereinfacht auf den Punkt gebracht: Im Kreislauf der Jahreszeiten sind es die Dojo-Zeiten, die hervorragend dafür geeignet sind, um mit liebevoller Zuwendung genau jene Maßnahmen zu setzen, die uns mehr in unsere Mitte bringen können. Weil sich die Natur in den Dojo-Zeiten nicht in ihren Extremen zeigt, sondern ihre Energie konsolidiert und bündelt. Machen wir es ebenso! Mäßigen wir die Extreme, pendeln wir automatisch mehr in Richtung Mitte. Geeignete Ansätze dafür gibt es auf mehreren Ebenen.

DIE KUNST DER REDUKTION

Am schnellsten und einfachsten können wir unserem System Gutes über die Ernährung tun. Vor allem auch, weil zum Erdelement die Organe Magen und Milz zählen, wobei die Milz in der TCM ein Synonym für den gesamten Verdauungstrakt ist und auch Bauchspeicheldrüse, Dünn- und Dickdarm umfasst. Und die Verdauungsorgane sind wiederum die Wurzeln unserer Gesundheit und unserer Vitalität. Funktionieren sie gut, produzieren sie genug Energie, um unser gesamtes System makellos zu versorgen. Das ist viel Arbeit. Der Verdauungstrakt freut sich daher hin und wieder über eine kurze Pause. Er freut sich über eine gelegentliche Entlastung, über eine regelmäßige Reinigung, vor allem wenn wir ihm manchmal etwas zuviel zumuten oder ihm öfters „Müll“ oder „Styropor“ zum Verwerten geben, also Nahrungsmittel, die vielleicht lecker schmecken, da viel Zucker und/oder viel Fett, die aber weit davon entfernt sind, als echte Lebensmittel durchzugehen.

Der ideale Zeitpunkt, um dem Bauch sein gutes Gefühl zurück zu geben: Die Dojo-Zeiten. Das erfordert nicht viel, nur halt ein bisschen Know How und ein bisschen Konsequenz. Dabei immer daran denken: Die Handlungen sollen von Fürsorge sich selber gegenüber getragen sein. Fürsorge. Für sich sorgen. Zum Beispiel mit dem großen Klassiker aller Dojo-Aficinados, der legendären Reiskur. Zwölf Tage lang nur richtig gekochten runden Vollkornreis essen, sonst nichts. Das klingt eintönig, das ist es auch, dafür darf man lauwarmes, vorher abgekochtes Wasser trinken. Na bitte, schon viel besser, oder? Okay, zugegeben: Die zwölftägige Reiskur, das ist schon die Königsliga. Der Effekt ist dementsprechend. Das System bekommt einen Reset. Alles wird durchgeputzt, entwässert, vitalisiert. Neugeboren. Sprichwörtlich. Dafür muss man eben einen Preis bezahlen. Wobei… Kostenpunkt der Rundumerneuerung: Keine zehn Euro. Dafür benötigt man Disziplin und Fürsorge im dreistelligen Bereich. Manche Personen haben sich damit allerdings schon Operationen oder lebenslange Medikamente erspart, da sich chronische Erkranken wie durch ein Wunder von selbst erledigt haben. Die Gesundheit sitzt im Darm. Die Krankheit auch. Ich sage: Einen Versuch ist es wert. Beim ersten Mal vielleicht in einer Gruppe oder mit professioneller Begleitung. Oder halt kürzer: Nicht zwölf, sondern nur neun nur sechs oder vielleicht nur drei Tage. Ja warum denn auch nicht? Zählt auch ein reiner Reistag? Ja! Jede bewusste Reduktion für einen gewissen Zeitraum bringt ihre Benefits. Profis wählen übrigens – wenn möglich – die abnehmende Mondphase innerhalb eines Dojo-Zeitraums, um mit der Kur zu beginnen.

SORGEN STATT SORGEN

Und wenn Sie mit diesem ganzen Reis-Dings überhaupt nichts anfangen können: Dann lassen Sie halt einfach jeglichen Zucker für eine Woche weg. Oder alle Weizenprodukte. Oder alle Milchprodukte. Oder jede Speise nach 17.00 Uhr. Oder alle Fleischprodukte. Oder Alkohol. Oder Nikotin. Oder Kaffee. Oder das verdammte Mobiltelefon. Denn es geht um Gesundheit auf allen Ebenen. Es geht nicht nur um den Körper, es geht auch und vor allem um die Emotionen, den Geist und – ich glaube einfach daran, weil ich sie täglich spüre – um die Seele. Wir werden hart gefordert in der modernen Zeit. Immer online. Immer on the run. Reizüberflutung und Informationsbombardement gehören zum Alltag 2.0. Daher auch hier: Entlastung. Entschlackung. Entgiftung. Unsere Verarbeitungskapazitäten sind strapaziert. Unsere Aufmerksamkeitspanne wird geringer und geringer. Dazu kommt: Der größte Teil der Informationen, die wir konsumieren, ist – es tut mir leid – einfach inhaltsloser Schrott. Ganz oben auf der Liste sollte daher Medienfasten stehen. Kein Internet, kein Fernsehen, aber auch keine Zeitungen und schon gar nicht Zerstreuung in sozialen Netzwerken.

Oder aber: Reduzieren Sie ein bisschen ihre Arbeitszeit. Verbringen Sie mehr Zeit mit sich selber, oder mit Menschen, die inspirierend und wertschätzend sind. Oder verbringen Sie mehr Zeit in der Natur. Denn wie war das mit den Dojo-Zeiten? Richtig: Die Natur hält kurz inne, besinnt sich auf sich selbst, sammelt sich, nimmt sich Zeit, um für sich zu sorgen. Die Fürsorge. Die auch Seelsorge sein kann. Lassen Sie die Seele baumeln, gönnen Sie sich etwas mit wirklicher Substanz und Tiefe, häuten Sie sich… Es ist ein altes Wortspiel, aber es stimmt einfach und wenn wir es auf einer tiefen Ebene wirklich verstehen, dann entfaltet sich eine kraftvolle Wahrheit: Wenn wir nicht rechtzeitig für uns sorgen, dann werden wir Sorgen haben. Von daher: Viermal im Jahr laden die Dojo-Zeiten dazu ein, sich mit sich selber und dem Lauf der Jahreszeiten abzustimmen. Viermal im Jahr haben wir die Chance für einen Neuanfang. Und: Haben Sie die aktuelle Dojo-Phase vielleicht gerade verpasst, die nächste kommt bestimmt.

In diesem Sinne: Schreiben Sie ihren Kalender einmal chinesisch und fangen Sie einfach an. Nicht ohne Grund heißt Dojo übersetzt: Der Ort des Weges.